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Es war einmal… von Marion Conrady-Kaiser

… eine weise Frau, die viel gelernt hatte, darüber wie man Frauen helfen kann, die ein Baby bekommen. Sie vereinte das Wissen darüber, welches Frauen seit Anbeginn aller Zeiten darüber weitertrugen. Weiterhin trug sie einen unglaublichen Wissensschatz über alle Kräuter und deren Wirkungen mit sich, und ungeahnte Fertigkeiten darüber hinaus.

Sie wußte, was zu tun ist, wenn eine Geburt schwierig ist. Vor allem aber wußte sie, was zu tun ist, damit es gar nicht erst soweit kommt.

Und weil sie auch noch sehr nett und wirklich sehr weise war, riefen alle Frauen aus Stadt und Land sie zu sich, wenn ein Baby unterwegs war.

In der Stadt, in der die weise Frau lebte, lebten natürlich auch noch ein Doktor und ein Apotheker. Die beiden waren befreundet mit dem Bürgermeister und dem Richter der Stadt.

Am Freitag, nach der Woche harter Arbeit, saßen diese oft zusammen im Wirtshaus am Stammtisch und ließen sich bei Feierabend eine Maß schmecken. Oft kam es vor, daß der Doktor und der Apotheker dem Herren Bürgermeister und dem Richter dabei einen Kurzen spendierten.

Dem Doktor und dem Apotheker gefiel schon länger nicht, daß die weise Frau so weise war und auch nicht, daß sie ihr Handwerk so wunderbar verstand. Oft schimpften sie über die Frau am Stammtisch.Aber der Herr Bürgermeister lenkte ein und hielt dagegen, daß ja alle Frauen und so auch die Männer und Kinder, also alle Familien mit ihr so zufrieden waren. Und der Richter sagte, daß sie eine sehr rechtschaffene Person sei. Und auch der Wirt mochte die weise Frau, weil sie allen vier Kindern von ihm gesund zur Welt geholfen hatte. So besannen sich also der Doktor und der Apotheker irgendwann, und beruhigten sich.

Nun begab es sich, daß aus einem fernen Land eine Frau und ihr Mann von der weisen Frau gehört hatten. Und da sie ein Kind erwarteten, hofften sie, daß diese ihnen helfen würde.

Es war nun an der Zeit der Geburt, und das Baby lag immer noch nicht mit dem Kopf nach unten.

Da die weise Frau auch sehr gutherzig war, und großes Mitleid für das weitgereiste paar empfand, schickte sie sie nicht weg, sondern versprach alles, was in ihrer Macht steht, zu tun, damit das Kind gut zur Welt kommen könne. Sie bat das Paar, wenn die ersten Zeichen der herannahenden Geburt auftreten würden, zu sich in ihr Heim. Bis dahin jedoch sollten sie Obdach im Wirtshause finden.

Als nun die ersten Geburtswehen einsetzten, wollte die Frau jedoch nicht mehr herumlaufen und legte sich ins Bett des Zimmers im Wirtshaus. So packte die weise Frau also alle Kräuter und Hilfsmittel in ihre Tasche und machte sich auf den Weg.

Die Geburt war sehr lang und anstrengend. Die weise Frau tat alles, was sie tun konnte, um der werdenden Mutter und dem Baby den Weg ins Leben zu erleichtern. Sie massierte den Rücken, und kühlte die Stirn, sie hielt die Hand und ermutigte die Frau….. Stunde um Stunde gingen so ins Land. Aber das Kind wollte und wollte nicht kommen.

Als das Kind endlich kam, hatte die weise Frau von allem Wissen, was sie mit sich trug, das best mögliche getan. Doch das kleine Mädchen war gestorben.

Alle waren sehr traurig, auch die weise Frau war untröstlich.

Davon erfuhren auch der Doktor und der Apotheker, und weil sie nun ihre Chance sahen, die weise Frau endlich loszuwerden, schmiedeten sie einen bösen Plan: Sie wollte die weise Frau vor Gericht bringen und in den Kerker werfen lassen.

So gingen sie zum Wirt, um auch ihn für ihren Plan zu gewinnen. Doch dieser dachte an seine Frau und die Geburten seiner vier Kinder, und wehrte sich etwas. Doch der Doktor meinte darauf: „Bedenke deine finanziellen Einbußen! Wenn du sie nicht anzeigst, wird nie jemand wieder in deinem Hause ein Mahl genießen wollen, wo hier so ein Unglück geschehen konnte ist. Dann hast auch du bald nichts mehr zu essen für dich und deine Familie! Die Leute werden sagen, du hast ein Kind hier sterben lassen.“

Dagegen fand der Wirt bald schon keine Worte mehr und so ging er mit den beiden anderen Männern weiter zum Bürgermeister der Stadt.

Auch ihn galt es vom Plan zu überzeugen.

Auch der Bürgermeister wollte erst davon nichts wissen.

„Aber bedenke, Herr Bürgermeister, was das für deine Stadt bedeutet, daß diese Frau weiter hier herumläuft und bei Geburten zugange ist.“ sagte der Doktor!

„Und bedenke, wenn das öfter passiert, daß keine Frau hier mehr Kinder bekommen will.“ sagte der Apotheker.

„Und überlege dir, welchen Ruf deine Stadt dann hat, und was davon im ganzen Land bekannt wird!“ sprach der Wirt.

„Also gut“ – sprach da der Bürgermeister, „ihr habt recht! Wir müssen ihre Tat anzeigen!“

So gingen sie nun zum Richter der Stadt, und zeigten die weise Frau wegen Kindstötung an.

Doch der Richter war ganz verwirrt und fragte:

„Aber sie hat doch gar kein Kind getötet? Das Baby war doch schon tot, als es auf die Welt kam, und kein Mensch weiß warum! Sowas weiß doch nur der Herr Gott!“

Da sprach der Doktor: „Aber VIELLEICHT hätte ICH es retten können.“

Und der Apotheker sprach: „VIELLEICHT hätte MEINE Medizin ihm geholfen.“

Und der Richter antwortete: „Aber….. vielleicht?! Ich kann doch keinen Menschen wegen einem „vielleicht“ in den Kerker werfen?“

Da sprach der Wirt: „Ich will aber nicht, daß so etwas in meinem Haus passiert!“

„Und ich will nicht, daß es in meiner Stadt passiert!“ sprach der Bürgermeister.

Und weil es keine Zeugen gab, die für die arme, weise Frau aussagen würden, wurde sie in den Kerker geworfen.

Als die Frauen der Stadt jedoch davon erfuhren, wurden sie sehr ungehalten. Sie beschwerten, sich, daß man sie als Mütter nicht gefragt hatte, was sie dazu zu sagen hätten. Sie ärgerten sich, daß sie nun ihre Babys allein bekommen sollten, und keinen mehr um Hilfe bitten konnten.

Und so gingen sie zum Richter, um ihrem Ärger Luft zu machen.

Aber der Richter versuchte, sich und seine Entscheidung zu rechtfertigen, und sprach: „Aber sie hat sich der Kindstötung schuldig gemacht!“

Doch die Frauen waren nicht gewillt, dies zu glauben, und verlangten sofortige Beweise für diese Behauptung!

Doch die Beweise dafür gab es nicht, denn es hatte nie welche gegeben.

……………

Und wenn man jetzt glaubt, daß der Richter die weise Frau darum wieder befreit hätte… – nun

so geschieht das nur in unserem Märchen!

Im Jahre 2015, wo das wirkliche Leben gelebt wird,

wo sich Menschen vernetzen können, und wo Meinungsfreiheit herrscht, wo es Menschenrechte gibt, und Gerechtigkeit in einem sozialen Staat,

aber eben keine Märchen,

da wird diese weise Frau 7 Jahre im Gefängnis bleiben müssen!

Da werden anderen Frauen, wie sie, unmenschliche Arbeitsbedingungen aufgebürdet, sie werden eingeschränkt und kontrolliert, bevormundet und „abgeschafft“ .

Im Jahr 2015 wird werdenden Müttern die Möglichkeit der freien Entscheidung genommen, der Ansprechpartner und die verlässliche Hilfe während Schwangerschaft und Geburt entzogen. Da werden Frauen gezwungen, ihre Kinder dort zu bekommen, wo es wirtschaftlich ist, nicht wo sie selbst es sich wünschen!

Liebe Frauen im Jahr 2015,

es betrifft Euch alle! Auch wenn ihr selbst keine Kinder mehr bekommen werdet, auch wenn ihr lieber in einer Klinik gebären wollt. KEINE Hebamme, ist KEINE Hebamme – nicht hier und auch nicht dort. Für uns, unsere Töchter und Enkelinnen habe ich nur einen Wunsch: Das wir ihnen die Möglichkeit für sich selbst zu entscheiden und das Recht auf eine selbstbestimmte Schwangerschaft und Geburt erhalten auch in der Zukunft!

Eine Hotline ersetzt keine Hebamme! Ein Arzt/eine Ärztin ersetzt keine Hebamme! Eine Doula ersetzt keine Hebamme!